Happy Birthday, Schleswig-Holstein!
Ein Blick zurück mag helfen, die Zukunft zu gestalten
Ein Unterrichtsprojekt der ehemaligen 10b
Wer im August 1946 durch die Schönberger Straße in Kiel-Wellingdorf gewandert ist, dürfte eine notdürftig geflickte, staubige Fahrbahn erblickt und zerbombte Gebäude vorgefunden haben. Der von Johann Theede gebaute Altbau unserer Schule stand als Ruine an einem Bombenkrater.
In unserer Schulchronik von 1989 zum 75-jährigen Bestehen ist nachzulesen, mit welchen elementaren Problemen Lehrkräfte und Schüler/innen damals zu kämpfen hatten:
„Der alte Schulhof war von schönen Bäumen umsäumt. Als 1946 nachts einmal von Fremden zwei davon heimlich gefällt und als Heizmaterial fortgeschafft worden waren, entschloss sich Direktor Müller, die übrigen für die Schule ‚zu retten’. Mit Hilfe der Schüler sägte man sie um und stapelte das kostbare Brennholz für den nächsten Winter. (…) Im August teilte der Direktor mit, ‚dass begründete Aussicht besteht, dass wenigstens die beiden Seitenflügel des Schulgebäudes bis zum Beginn des Winters überdacht würden. Es hört damit dann der Notstand auf, dass bei Regenwetter die Klassenräume so stark durchnässen, dass ein Unterricht fast unmöglich ist.‘“ (S. 190, Das Gymnasium Wellingdorf, Eine Schule auf dem Kieler Ostufer, 1914 bis 1989; Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte). Das war die Realität vor 80 Jahren.
80 Jahre entsprechen in etwa einer Zeitspanne von drei Generationen. Die Nachkriegsgeneration war damit beschäftigt, das Notwendige zu regeln und Normalität auch im Schulalltag wiederherzustellen (s.o.), die darauffolgende Generation hat die Altlasten des Nationalsozialismus vehement ins öffentliche Bewusstsein gerückt und als Folge dessen auch für die Einübung demokratischer Verfahren und Formate (z.B. Schulkonferenz mit paritätischer Besetzung) an den Schulen gesorgt, die dritte Generation sah und sieht sich mit neuen Problemen konfrontiert. Denn Kriege im zerbrechenden ehemaligen Jugoslawien in den 1990er Jahren wie auch im Nahen und Mittleren Osten und zuletzt auf ukrainischem Boden haben zu Flüchtlingsströmen geführt und junge Menschen in unsere Schulen gebracht, für die wir mitverantwortlich sind, damit Integration gelingen kann und der gesellschaftliche Frieden erhalten bleibt.
Die Situation der Nachkriegszeit in Deutschland und Schleswig-Holstein ist selbstverständlich eine völlig andere gewesen als die heutige. Dennoch ist ein Problem wieder da, mit dem sich unsere Gesellschaft damals wie heute auseinandersetzen muss: Auf der Flucht vor Stalins Armee flohen Menschen am Ende des Zweiten Weltkriegs aus den ostdeutschen Gebieten hierher, um ihr Leben in Sicherheit zu bringen. Heute sind Menschen vor allem aus Teilen des ehemaligen Jugoslawiens, Syrien, dem Irak, Afghanistan oder der Ukraine hier, weil sie zuhause um ihr Leben fürchten mussten oder dies noch immer müssen. In diesem Punkt scheint sich unsere Geschichte – wenn auch modifiziert – zu wiederholen. Insbesondere das Bundesland Schleswig-Holstein war nach dem Zweiten Weltkrieg gefordert: Durch die vor allem über die Ostsee ankommenden Flüchtenden aus Ostpreußen und Pommern verdoppelte sich in unserem kleinen Bundesland die Einwohnerzahl. Dieses Thema hat eine Schülergruppe der ehemaligen 10b in den Mittelpunkt ihrer Arbeit gestellt und die gesammelten Informationen – eine Landkarte mit Diagramm ist auch dabei – auf einem Plakat zusammengetragen.
Eine weitere Schülergruppe hat sich auf Fluchtbewegungen konzentriert, die sich durch die Kriege seit den 1990er Jahren bis heute ergeben haben. Auch der Bericht eines Vaters über die Flucht aus Syrien ist auf dem Plakat nachzulesen.
Einer anderen Schülergruppe war es wichtig, die Geschichte unserer 112-jährigen Schule zu beleuchten einschließlich der unmittelbaren Nachkriegszeit.
Eine vierte Gruppe war zuständig für ein Projekt, das mit einer Sprichwörterkiste begann. Von der Schulgemeinschaft gesammelte Sprichwörter aus dem Deutschen, dem Niederdeutschen (in den ländlich geprägten Gebieten Schleswig-Holsteins nach dem Krieg als Verkehrssprache noch sehr verbreitet) und aus verschiedenen Sprachen, die in den Elternhäusern unserer Schülerinnen und Schüler außerdem gesprochen werden, wurden in der Sprichwörterkiste abgelegt. Sie werden an unterschiedlichen Orten in unserem Schulgebäude angebracht und die Buntheit unserer Schulgemeinschaft auch farblich repräsentieren. Das Wesen von Sprichwörtern macht aus, dass sie allen gehören; sie sind herrschaftsfrei. Sie vermitteln kollektive Einsichten, können Lebenshilfen sein und bei der Bewältigung des Alltags nützen. Und es ist erstaunlich, dass man in Sprichwörtern aus ganz unterschiedlichen Sprachen und Kulturkreisen nicht nur denselben Sinn, sondern häufig auch sehr ähnliche Metaphern wiederfindet. Ein gutes Zeichen; denn in den Wertehaltungen unterschiedlicher Kulturen scheint es doch große Schnittmengen zu geben.
Dass wir auf diesen aufbauen und den Austausch pflegen, hat bereits unser Kulturentag gezeigt, der in der letzten Woche vor den Sommerferien stattfand. Er wurde von unserer Schülervertretung organisiert und vor allem durch die Mitwirkung vieler Eltern ein Erlebnis mit kulinarischem Schwerpunkt, das sich an unserer Schule als fester Bestandteil unserer Schulkultur etablieren möge.
Für die Informationen, die zur Erstellung der Plakate gebraucht wurden, danken wir den Mitarbeiterinnen der „Werkstatt 20. Jahrhundert der Landeshauptstadt Kiel“. Weitere Quellen entstammen unserem Schularchiv, betreut durch meinen Kollegen Malte Rohm, sowie verschiedenen Internetseiten. Dass die genaue Zuordnung der Abbildungen und Texte zu ihren Quellen am Ende nicht mehr gelang, entspricht selbstverständlich nicht unserem gymnasialen Anspruch. Es ist dem knappen Zeitbudget im letzten Schuljahrsquartal geschuldet.
Für die finanzielle Unterstützung, die uns den Druck der Sprichwortposter ermöglichte, danken wir dem Ministerpräsidenten des Landes Schleswig-Holstein, Daniel Günther.
Wiebke Kohlscheen













